Eine Bibliothek überm Porzelanladen (Woche 5 von 8)

Aalto University School of Art and Design

In den ersten drei Tagen der fünften Woche meines Auslandspraktikums war ich in der Hauptbibliothek der School of Science and Technology damit beschäftigt, zu selten entliehene Bücher zu makulieren bzw. deren Standort zu ändern.
Die Bücher, die so selten gebraucht wurden, dass der Platz im kellari (Übersetzung überflüssig) für sie zu schade wäre, bei denen man aber nicht ausschließen kann, dass sich eines Tages doch noch jemand für sie interessiert, werden an die National Repository Library geschickt. Diese Bibliothek erhält aus allen finnischen Bibliotheken, wissenschaftlichen wie öffentlichen, die dort zu selten entliehen Medien. Von jeder Ausgabe eines Werks und dessen abgeänderten Auflagen wird das am besten erhaltene Exemplar aufbewahrt. Die Bestände sind außer für Studenten und Forscher der finnischen Universitäten nur über eine Fernleihe zugänglich. Diese ist allerdings gebührenfrei.
Das verändern der Bestandsdaten für die Makulatur und den Standortwechsel in Voyager, der hier verwendeten Bibliothekssoftware, empfand ich als recht mühselig, da ich es gewohnt bin mit aDIS zu arbeiten. Massenfunktionen scheint man hier nicht zu kennen. Und nur um einen Datensatz durch das Einlesen des Barcodes öffnen zu können, jedes mal das dazu nötige kleine Fensterchen öffnen zu müssen… Na ja.

Die letzten beiden Tage der Woche verbrachte ich in der Bibliothek der School of Art and Design im helsinkier Stadtteil Arabia. Benannt wurde der Stadtteil nach der ehemaligen Keramikfabrik, in der sich heute, neben unter anderem dem Outlet Store von Iittala, dem Haushaltswarenhersteller, zu dem die Marke Arabia heute gehört, die Aalto University School of Art and Design befindet (bis Ende letzten Jahres hieß sie noch University of Art and Design Helsinki).
Die Bibliothek ist Teil der/des Aralis Library and Information Centre. Welche/s aus vier im selben Gebäude befindlichen Bibliothek besteht. Drei davon, die Aalto University Library, Arabia, die Helsinki Metropolia University of Applied Sciences Resource Library for Arts and Culture (Was‘n Name!) und die Helsinki Pop & Jazz Conservatory Library, befinden sich sogar in den selben Räumlichkeiten. Man erkennt als Außenstehender nicht einmal, welches Regal zu welcher Bibliothek gehört. Es gibt auch nur einen gemeinsamen Ausleihtresen und ein Infopult. So kann man durchaus umgangssprachlich, ich betone umgangssprachlich, bei diesen drei Bibliotheken von einer Bibliothek reden. Um in die vierte Bibliothek, eine Zweigstelle der öffentlichen Bibliotheken Helsinkis, zu gelangen, muss man auch nur durch eine Glastür und die Treppe runter, schon steht man in diesem hübschen überdachten Innehof.
Neben der Bibliothek verfügt die School of Art and Design auch über ein Archiv. Dort werden beispielsweise einige der Kunstwerke bzw. Designobjekte der Studenten archiviert. Darunter auch Arbeiten aus der Gründungszeit der Vorläuferinstitution der Universität, zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Da damals für die Aufnahme der Studenten weniger deren Talent entscheidend war, als deren wohlsituierte Herkunft, und für die Studentinnen nicht eine Zukunft als gefragte Innenarchitektin oder gefeierte Künstlerin vorgesehen war, sondern ein Leben als sich aufopfernde Ehefrau und Mutter, wird der künstlerische Wert dieser frühen Arbeiten oft von den Werken einer anderen Sammlung des Archivs weit übertroffen, und zwar der Sammlung aus Werken aus dem Kunstunterricht an finnischen Schulen. Zugegeben, in Finnland lernen die Kinder im internationalen Vergleich schon recht früh wie man z.B. perspektivisch malt und zeichnet. Aber dass die finnischen Schulen super sind, ist ja nichts neues.
Wärend wir (Daria, die zweite Praktikantin, Studentin der finno-ungarischen Philologie, aus Polen, und ich) durch die Archivräume geführt wurden, entdeckten wir eine kleine Katastrophe. Wasser tropfte auf die Archivkartons. Aufgrund der derzeitigen für Finnland recht hohen Temperaturen, hatte sich Kondenswasser auf den kalten, unisolierten Wasserleitungen gebildet, die in einem der Räume über den Regalen verliefen. Man hatte natürlich bedacht, dass es gefährlich werden kann, wenn Wasserrohre über Archivregelen verlaufen. In den Kartons befanden sich deshalb nur Objekte aus Keramik.